Orgasmus: eine Frage der Anatomie?

 In Intimchirurgie, Operation

Bis heute sind sich Sexualforscher nicht einig, was dem weiblichen Orgasmus zuträglich ist oder was ihn zu verhindern vermag. Sind es rein psychologische Gründe oder können anatomische Gegebenheiten eine Rolle spielen?

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud unterschied streng zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus. Und er behauptete, eine Frau, die keinen vaginalen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr erlebe, sei psychologisch unreif oder gehemmt.
Ausgerechnet Freuds Vertraute Marie Bonaparte, ebenfalls Psychoanalytikerin und eine Urgroßnichte Napoleons, hatte 1924 eine ganz andere – eine anatomische – Theorie. Ihrer Meinung nach erlebten Frauen, deren Klitoris näher an den Harnröhrenausgang gelegen ist häufiger Orgasmen als Frauen, bei denen der Abstand größer ist. Sie hatte bei 43 Frauen diese Distanz vermessen und die Frauen zu ihren sexuellen Erlebnissen befragt. Und sie kam zu dem Schluss: je näher die Klitoris am Harnröhrenausgang ist, desto häufiger erlebten die betroffenen Frauen einen Orgasmus. Da sie selbst nie einen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr bekommen hatte, entwickelte sie zusammen mit einem Chirurgen eine OP-Technik, um den Abstand zwischen Klitoris und Vagina zu verringern. Leider mit fatalen Folgen, denn dabei wurden die zur Klitoris führenden Nerven durchtrennt und damit die Gefühlsempfindung.

Inzwischen sind fast 100 Jahre vergangen und die OP-Techniken haben sich stark weiterentwickelt. Das Interesse der Sexualforscher an der weiblichen Orgasmusfähigkeit hat nicht nachgelassen. Aber erst im vergangenen Jahr haben Forscher die Untersuchungen von Marie Bonaparte und Carney Landis, einem amerikanischen Sexualforscher, der 1940 zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam, ausgegraben und analysiert. Kim Wallen und Elisabeth Lloyd haben in einem Artikel die sexuelle Erregbarkeit der Frau und den Zusammenhang mit ihrer Genitalanatomie beschrieben. Sie haben dazu die Fallstudien von Bonaparte und Landis verglichen, die unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren. Beide haben festgestellt, dass ein kürzerer Abstand zwischen Klitoris und Harnröhrenausgang die Wahrscheinlichkeit, einen Orgasmus während des Geschlechtsverkehrs zu erleben, stark erhöht. Etwa 2,5 cm sei die ideale Distanz, die sowohl den von Bonaparte als auch von Landis befragten Frauen die häufigste Orgasmuswahrscheinlichkeit bot.

Also eine Orgasmus-OP? So einfach geht das sicher nicht. Aber die Operationsmethoden sind im Intimbereich seit den Zeiten von Marie Bonaparte weit fortgeschritten. Bei einer Intimoperation werden keine für den Orgasmus wichtigen Nerven mehr durchtrennt, da ein erfahrener Chirurg die Anatomie der Frau bestens kennt und immer darauf bedacht ist, die volle Sensibilität zu erhalten. Bei einer Schamlippenverkleinerung mit Klitorismantelkorrektur wird die Klitoris selbst nicht angetastet und damit die Gefühlskapazität nicht beeinträchtigt. Ein angenehmer Nebeneffekt ist aber, dass sich durch eine spezielle Operationstechnik zur Straffung des Klitorismantels und zur Verkleinerung der inneren Schamlippen der Abstand zwischen Klitoris und Harnröhrenausgang verringern lässt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass viele Frauen nach einer Labialplastik über eine erhöhte Erregbarkeit und häufigere Orgasmen beim Geschlechtsverkehr berichten. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Klitoris stärker vom Penis stimuliert werden kann als wenn der Abstand zum Scheideneingang größer ist.

Selbstverständlich spielen auch andere Faktoren eine Rolle und die psychologischen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in einem erfüllten Sexualleben. Eine Frau, die durch eine Korrektur im Intimbereich glücklicher und selbstbewusster geworden ist, kann auch die Sexualität besser genießen. So spielen also beide Aspekte eine Rolle: die Anatomie und die Psychologie.

 

Vielen Dank an Dr. von Lukowicz für diesen Artikel.

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